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Kartoffelschale statt Krankengymnast – Kindertherapien oft unnötig

Die Gründe für den Therapieboom sind vielfältig – Es herrschen hoher Leistungsdruck und Perfektionismus in der Gesellschaft

Paulchen zum Physiotherapeuten, die kleine Marie zur Logopädin und Emil in die Krankengymnastik –  sieht so der Alltag einer jungen Familie aus, sollten sich die Eltern Gedanken machen. Denn Therapien für Kinder sind manchmal auch zu viel des Guten.

Zwölf Monate alt und schon Therapieerfahrung – manche Kinder haben vor dem ersten eigenen Dreirad ihren ersten eigenen Logopäden, Krankengymnasten oder Ergotherapeuten. Auswertungen von Krankenkassendaten zeigen: Ärzte verschreiben immer mehr Kindern immer häufiger Therapien. Unterliegt die Gesellschaft einem wahren Förderwahn, oder brauchen Kinder tatsächlich immer früher eine Behandlung? Experten sagen, an beidem ist etwas dran. Fast jeder vierte Sechsjährige hat schon eine sprachtherapeutische Behandlung hinter sich. Das geht aus dem Heilmittelbericht 2011 des wissenschaftlichen Instituts der AOK  hervor. Eine Ergotherapie bekamen im Jahr 2010 14 Prozent der sechsjährigen Jungen und 5,6 Prozent der gleichaltrigen Mädchen – Tendenz seit Jahren steigend.
Die Gründe für den Therapieboom seien vielfältig, sagen Ärzte und Therapeuten. Einerseits herrsche in der Gesellschaft ein hoher Leistungsdruck und Perfektionismus. Ein Großteil von Eltern wollen die Teilschwächen der Kinder einfach wegtherapieren lassen. Jedes kleinste Lispeln wird als dramatisch wahrgenommen und viele Eltern fordern sofort eine therapeutische Behandlung.
Andererseits zeigten sich bei vielen Kindern tatsächlich teils erhebliche Schwierigkeiten im Bereich motorischer und sprachlicher Fähigkeiten. Es gibt einfach viele anregungsarme Familien, das ist ein großer Teil des Problems. Zu wenig Bewegung, zu viel Fernsehen, zu wenig sprachlicher Kontakt, lautet das Fazit. Körperliche Ursachen haben laut Experten im Verlauf der vergangenen Jahre keineswegs zugenommen. Dennoch steige der Förderbedarf bei Kindergarten- und Grundschulkindern stetig.
 Aber muss es immer gleich eine Therapie sein? Nein, sagen die Fachleute. Von zentraler Bedeutung sei die richtige Diagnose - und die gebe es in Deutschland oft nicht, kritisieren Ärzte und Therapeuten. „Wir müssen sehr sorgfältig unterscheiden zwischen Kindern, die einer allgemeinen Förderung bedürfen, und Kindern, die tatsächlich eine Therapie benötigen“, sagt Arnd Longrée, Vorsitzender des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten. Im jetzigen System liege die Verantwortung, dies zu entscheiden, allein bei den Ärzten. Besser sei es aber, bei nicht eindeutigen Fällen auch die Therapeuten in die Diagnose einzubeziehen. Eine Forderung lautet z.B.: „Ärzte müssen auch mal sagen. Nein, ich verschreibe keine Therapie.“
Kinder, die tatsächlich Therapiebedarf haben, gehörten dagegen so früh wie möglich in Behandlung. Nur so können sie effektiv und schonend behandelt werden. Auch Longrée sieht hier Handlungsbedarf. „Oft kommen Kinder, die es wirklich nötig haben, viel zu spät zu uns. Dabei hätte man die Warnzeichen schon früh erkennen können.“ Sie fordert im Gesundheitssystem einen Ausbau der frühen Hilfen und somit rechtzeitiger Förderung und Therapie.
Das Credo der Fachleute: Kinder, die es nötig haben, müssen therapiert werden, alle anderen brauchen im Alltag bessere Förderung. Eltern und Kitas seien gefordert. Jeden Abend fünf Minuten eine Geschichte vorlesen und dann gemeinsam drüber reden: Das trainiert richtiges Sprechen und Sprachverständnis. Eltern sollten ihre Kinder so oft wie möglich in alltägliche Handlungen einbeziehen, rät Longrée. „Tisch decken, in der Küche mitarbeiten – auch mal mit dem Messer.“ Kleine Kinder, die zum Beispiel auch mal Kartoffeln schälen dürften, seien begeistert von der Arbeit, die sonst den Erwachsenen vorbehalten sei. So erlernten sie Grundfertigkeiten gewissermaßen nebenbei. „Eltern sollten Kinder lieber 30 Minuten in Alltagsaktivitäten einbeziehen, als sich hinterher gehetzt zehn Minuten Memory aus den Rippen zu schneiden.“
Experten fordern mehr Muße und Gelassenheit im Alltag. Eltern sollten wieder mehr Bereitschaft haben, Kinder und ihre Entwicklung zu genießen, sich auch über Kinder mit Ecken und Kanten freuen. Es müssen nicht alle Kinder gleich sein.



Helikopter-Eltern schaden ihren Kindern

Im Dunkeln darf das Kind nicht aus dem Haus, zur Schule wird es gefahren: Übervorsichtige Eltern tun ihrem Nachwuchs keinen Gefallen. Denn sie übertragen eigene Ängste auf ihre Kinder. Selbstbewusste Söhne oder Töchter ziehen sie so nicht heran.

Sie wollen alles richtig machen, und genau das ist falsch. Übervorsichtige Eltern möchten ihr Kind perfekt erziehen und ihm jede unangenehme Erfahrung ersparen. Sie warnen vor jeder kleinsten Gefahr, beobachten alles mit Argusaugen und mischen sich immer ein - auch wenn ihr Kind die Situation alleine lösen könnte. Wichtige Fähigkeiten kann der Nachwuchs so nur schwer entwickeln: Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, den Umgang mit Konflikten und Ängsten. „Helikopter-Eltern“ werden solche Mütter und Väter genannt, der Begriff stammt aus den USA: Der Polizeihubschrauber kreist über dem gesuchten Objekt, die Eltern umschwirren ständig ihr Kind.

Der Hirnforscher Ralph Dawirs aus Erlangen spricht hier von „Einmischeritis“ der Eltern. „Die Gründe sind komplex“, sagt er. Viele davon liegen in der gesellschaftlichen Veränderung: Es gibt immer weniger Kinder, auf die sich nun alles konzentriert. Sie sollen in der Leistungsgesellschaft bestehen, die Ansprüche sind entsprechend hoch. Früher lebte der Nachwuchs häufiger in Großfamilien, die Kinder in dem Viertel spielten zusammen, auch die Nachbarn schauten mal nach dem Rechten. Es gab damit eine Art öffentliche Aufsicht, und die Erziehung verteilte sich auf mehrere Erwachsene. „Damit existierte auch ein natürliches Korrektiv“, sagt Dawirs. Die heutigen Eltern können darauf oft nicht mehr bauen, der Druck auf sie ist größer geworden.

Hinzu kommt, dass Entscheidungen aus dem Bauch heraus bei Erziehungsfragen nicht modern sind. Es wird eher gegrübelt, hinterfragt und schließlich rational entschieden. Das hat Vor-, aber auch Nachteile. „Die Gesellschaft will Begründungen. Doch die einfachen Wahrheiten hören sich zwar gut an, sind aber praktisch nicht anwendbar“, erklärt der Arzt Ingo Spitczok von Brisinski vom Fachbereich Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der LVR-Klinik Viersen.

Engstirnigkeit ist beim Umgang mit Kindern kontraproduktiv: Denn es gibt ihn nicht, den einen richtigen Erziehungsstil - schließlich ist jeder Mensch anders und reagiert entsprechend. Das Gleiche gilt für das Verhalten in konkreten Situationen. Auch hier kann auf verschiedene Art und Weise gut reagiert werden. „Und es ist normal, Fehler zu machen“, beruhigt der Arzt. „Kinder können viel aushalten. Und die meisten Fehler in der Erziehung können wieder ausgebügelt werden, wenn die Eltern sich nicht zu radikal verhalten.“

Doch genau das tun „Helikopter-Eltern“. „Die Kinder werden ängstlich und zögerlich“, erklärt die Hamburgerin Familienberaterin und Buchautorin Felicitas Römer die Folgen. Weil sie sich sehr wenig zutrauen, kann es lange dauern, bis sie endlich auf eigenen Beinen stehen. Manche neigen auch dazu, sich als Mittelpunkt der Welt zu betrachten - Probleme sind da programmiert.

Aber auch eine Rebellion dieser umklammerten Kinder ist möglich: Um sich endlich zu befreien, lehnen sie sich auf. Das kann in der Pubertät heftig werden. Viele Freunde haben solche überbehüteten Kinder meist nicht, das liegt auch an ihrer kritischen Grundeinstellung. „Sie sind viel zu vorsichtig, um auf Leute zuzugehen und zu schauen, ob das ein Netter oder ein Doofer ist“, sagt der Arzt Spitczok von Brisinski. „Damit begrenzen sie natürlich die Auswahl an potenziellen Freunden.“

Den übervorsichtigen Eltern ist nicht bewusst, was sie mit ihrem Verhalten dem Nachwuchs antun. Meistens haben sie wenig Kontakt zu anderen Eltern und sind selbst ängstliche Menschen. Ob sie früh oder spät Eltern geworden sind, ist unerheblich. Sie bringen ihren Nachwuchs noch zur Schule, wenn alle Altersgenossen längst miteinander zu Fuß gehen. Gibt ein Fremder dem Kind eine Süßigkeit, alarmieren sie die Polizei.

Eine grundsätzliche Sorge um das Kind ist zwar völlig normal. „Wenn das Kind das erste Mal alleine in die Schule geht, ist es einem natürlich mulmig“, so Spitczok von Brisinski. Doch es müsse eine kognitive Korrektur einsetzen - die Einsicht, dass es so das Beste und die Gefahr eines Unglücks äußerst gering ist. Einig sind sich die Experten: Die meisten Eltern können das, den Spagat zwischen Fürsorge und loslassen.

„Eltern müssen erkennen, dass ihre Macht und ihr Einfluss auf das Leben der Kinder begrenzt ist“, sagt die Familienberaterin Römer. Sie sollten sich mit sich selbst auseinandersetzen, mit ihren Gefühlen und ihrem Verhalten. Was macht mir Angst, und woher kommt sie? Gebe ich sie an mein Kind weiter? Kann es sein, dass ich mit meiner Sorge das Kind an mich binde?

Diese Fragen sollten sich Eltern stellen. Und es aushalten können, wenn ihr Kind auch mal traurig, wütend oder ängstlich ist. Dazu kommt die Akzeptanz, dass der Nachwuchs mit zunehmendem Alter immer mehr eigene Wege geht. „Das fällt naturgemäß schwerer, je mehr das Lebensglück an den Kindern festgemacht wird“, sagt Römer. Deshalb sollten sich Eltern bewusst um ihr eigenes Leben kümmern - in der Partnerschaft, im Freundeskreis und im Beruf. dpa